EZB

Europa vor dem Sondergipfel

Beim heute beginnenden EU-Gipfel stehen Entscheidungen von großer Tragweite auf dem Programm. Sie könnten die Europäische Union für die nächsten Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte prägen. Es geht nicht nur um den Billionen-schweren EU-Haushalt für die nächsten sieben Jahre, sondern auch um den umstrittenen Wiederaufbaufonds, der vor allem den südeuropäischen Ländern zugutekommen soll. Erstmals will die EU so neben der Strukturpolitik auch in die Konjunkturpolitik einsteigen, mit einem großen, kreditfinanzierten Fiskalprogramm. Dabei ist Einstimmigkeit aller 27 EU-Länder gefordert. Diese wird nicht einfach zu erreichen sein. Einige Länder (Niederlande, Österreich, Dänemark, Schweden) haben bereits Widerstand gegen Hilfszahlungen ohne „Gegenleistungen“ der Empfänger angekündigt. Da wird vor allem von den Initiatoren Frankreich und Deutschland viel Verhandlungsgeschick gefragt sein. Kanzlerin Merkel hat bereits versucht, die Erwartungen in Bezug auf eine schnelle Einigung zu dämpfen. Präsident Macron hat nach dem schlechten Ergebnis bei den Kommunalwahlen Ende Juni zunächst seine Regierung umgebildet, um aus einer gestärkten Position…

Keine Überraschungen vor der Sommerpause

Unseren Erwartungen entsprechend haben die europäischen Währungshüter bei ihrer heutigen Ratssitzung keine Änderungen am geldpolitischen Kurs beschlossen. Die EZB wird die Anleihekäufe im Rahmen des Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) bis zumindest Ende Juni 2021 fortführen. Auch wenn einzelne Währungshüter im Vorfeld der EZB-Beratungen ihr Unbehagen hinsichtlich der Flexibilität des PEPP zum Ausdruck gebracht haben, wurden keine Anpassungen an den Rahmenbedingungen vorweggenommen. Die Wertpapierkäufe im Zuge des Asset Purchase Programme (APP) werden ebenso planmäßig fortgeführt. Angesichts der Unsicherheit über den Konjunkturausblick ist nach Einschätzung der Währungshüter weiterhin ein umfassender geldpolitischer Stimulus geboten. Im Zuge der Pressekonferenz hat Frau Lagarde hervorgehoben, dass die Notenbank das avisierte PEPP-Ankaufvolumen von 1.350 Mrd. Euro voraussichtlich ausschöpfen werde. Damit sendet die EZB-Chefin ein „dovishes“ Signal und stellt sich Ratsvertretern entgegen, welche zuletzt darüber spekulierten, den PEPP-Rahmen nicht gänzlich auszunutzen. Nur wenn sich die europäische Wirtschaft überraschend kräftig erholen würde, wären nach Einschätzung von Lagarde Anleihekäufe…

Steigende Schulden sind zurzeit nicht das Problem, können es aber werden

Die Corona-Krise entpuppt sich immer mehr auch als eine schwere Belastungsprobe für die Schuldentragfähigkeit der EWU-Staaten. Nach der Finanz- und der Staatenfinanzkrise der Eurostaaten folgt bereits die dritte Krise innerhalb von nur etwa zwölf Jahren, die spürbaren Einfluss auf die Schuldenstandsquoten der Staaten nimmt. Im Fall von Italien ist bis Ende 2020 mit einer Zunahme des Schuldenstands auf 160% des BIP zu rechnen. Um die Schuldenstandsquote dauerhaft zu stabilisieren, ist der aus Sicht der Staaten zentrale Einflussfaktor der Primärsaldo. Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Primärsaldo, den Italien erzielen muss, um die Schuldenstandsquote längerfristig zu stabilisieren, infolge der Krise auf 3% des BIP steigt. In den vergangenen Jahren hatte Italien stets deutlich niedrigere Primärüberschüsse erzielt, was die Befürchtungen nährt, dass ohne gegensteuernde Maßnahmen mit einem weiteren Anstieg der Schuldenstandsquote des Landes zu rechnen wäre und die Schulden-tragfähigkeit in Gefahr geriete. Deutschland könnte sich trotz eines Corona-bedingten Anstiegs der Schuldenstandsquote auch nach…

Corona-Krise belastet Kreditgeschäft der Banken im Euroraum

  Die Corona-Krise dominiert weiter das Kreditgeschäft der Banken im Euroraum. Rechneten die Kreditinstitute in der April-Umfrage der EZB noch mit einer stark steigenden Firmenkreditnachfrage und einem deutlichen Rückgang der privaten Immobilienkredite in den nächsten Monaten, hat sich das Bild in der aktuellen Umfrage wieder normalisiert: Jetzt findet sich nur noch eine kleine Mehrheit, die mit einer fortgesetzt steigenden Unternehmenskreditnachfrage rechnet und bei den Immobilienkrediten sind die Banken inzwischen leicht optimistisch. Tatsächlich fragten die Unternehmen als Folge der Krise zuletzt verstärkt Hilfskredite nach, um Liquiditätsengpässen durch Lockdown und Produktionsstopps zu begegnen. Vor allem Kredite mit mittlerer Laufzeit waren gefragt. Ende Mai konnte in diesem Segment ein beachtlicher Zuwachs von 15,5 Prozent registriert werden. Dagegen hat sich der Pessimismus bei den Wohnungsbaukrediten nicht bewahrheitet. Das Kreditwachstum hat sich hier bis Mai sogar leicht auf 4,1 Prozent beschleunigt. Allerdings machen sich die Banken zunehmend Sorgen um die Bonität der Kunden. Beabsichtigten die…

Anleihekäufe der EZB lassen Target2-Salden steigen

Der deutsche Target2-Saldo ist in jüngster Vergangenheit wieder merklich angestiegen und summiert sich derzeit auf etwa 916 Mrd. Euro (Stand Mai). Im Gegenzug sind auch die Target2-Verbindlichkeiten der europäischen Peripherie weiter angewachsen. Spitzenreiter ist hier weiterhin Italien mit Verbindlichkeiten im Volumen von 517 Mrd. Euro. Der Anstieg der Target2-Salden dürfte vor allem durch das Anleiheankaufprogramm der EZB beeinflusst sein. So geht der Anstieg der positiven Target-Salden in Deutschland, Finnland, Luxemburg, Irland und den Niederlanden vergleichsweise eng mit einem Anwachsen des EZB-Anleiheportfolios einher. Perspektivisch ist allerdings davon auszugehen, dass sich das Auseinanderdriften der Target2-Salden weiter fortsetzt. So haben die europäischen Währungshüter zuletzt den Ankaufrahmen für das Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) um 600 Mrd. Euro auf nunmehr 1.350 Mrd. Euro aufgestockt. Eine Trendwende bei der Entwicklung der Target2-Salden erscheint daher bis auf weiteres nicht abzusehen. Die Konstruktion des Target2-Systems legt nahe, dass keine gravierenden Risiken für die Gläubiger bestehen, solange das…

Der Euroraum ist stabil

Der konjunkturelle Tiefpunkt wurde im April/Mai durchschritten, soweit die gute Nachricht. Die Tiefe des konjunkturellen Falls war jedoch ohne jedes Beispiel und Folgen für Investitionen und Beschäftigung werden erst in den kommenden Monaten sichtbar werden. Im Euroraum trafen die größten Belastungen Spanien und Italien. Mit Italien war ein Land betroffen, dass bereits in den letzten Jahren von einer ausgeprägten politischen und wirtschaftlichen Strukturkrise erfasst war. Die Staaten haben reagiert und versuchen, durch eine kräftige Steigerung der Staatsausgaben die negativen Effekte der Corona-Krise abzufedern. Die Staatsverschuldungsquote sollte daher auf etwa 104 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in 2020 im Euroraum steigen, wobei Italien mit 160 Prozent heraussticht. Diese Entwicklung führte bislang aber nicht zu einer Diskussion über die Stabilität des Euroraums und einer Neuauflage der Eurokrise. Ausschlaggebend für die gelassene Entwicklung war der Zusammenhalt der Euro-Länder und die Unterstützung der EZB. Die EZB hat durch Staatsanleihekäufe und dauerhaft niedrige Zinsen die Schuldentragfähigkeit der…

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