Konjunktur

Weltwirtschaft in der „Ricardianischen Ära“

Das dominierende Thema in der Weltwirtschaft wird in den nächsten Jahren die Staatsschuldenproblematik sein. Zur kurzfristigen Überwindung der Staatsschuldenkrise muss man aktuell die verschiedenen Rettungsmechanismen wie den EFSF und später den ESM mit sehr viel Kapital bzw. Garantien ausstatten um das verlorene Vertrauen wieder zu gewinnen. Langfristig führt in der Eurozone aber kein Weg daran vorbei, die Staatsschulden nachhaltig zu reduzieren. Ebenso ist in den USA die Überschuldung des Staats nicht mehr wegzudiskutieren – ganz unabhängig davon, welche Entscheidungen die Rating-Agenturen noch treffen werden. Längerfristig wird sich auch Japan dem Problem stellen müssen. China hat als einzige bedeutende Volkswirtschaft jetzt noch die Chance, die wirtschaftliche Entwicklung ohne Aufbau einer übermäßigen Staatsschuld voranzutreiben. Jedoch bedeutet dies, dass die chinesische Regierung bereits zum jetzigen Zeitpunkt die Staatsausgaben nur vorsichtig erhöhen kann, wenn überhaupt.

Deutsche Wirtschaft kommt in schwieriges Fahrwasser

Die deutsche Konjunktur steht zweifellos vor einer schwierigen Phase. Die Unsicherheit über den weiteren Fortgang der Staatsschuldenkrise und die Turbulenzen auf den Finanzmärkten sorgen auch bei den Unternehmen für eine gestiegene Vorsicht. Das kommt in der aktuellen Umfrage des ifo-Instituts zum Ausdruck, die zeigt, dass die Geschäftslage der Firmen zwar nach wie vor sehr gut ist, dass sich die Aussichten für die nächsten sechs Monate aber erheblich eingetrübt haben.

Stimmung in der europäischen Wirtschaft hat sich kräftig eingetrübt

Das von der EU-Kommission erhobene Wirtschaftsklima (ESI) hat sich im August deutlich eingetrübt. Für den Euro-Raum sank das Klima von 103 Punkten im Vormonat auf 98,3 Punkte – dies war der stärkste Rückgang seit zweieinhalb Jahren. Bis auf den Bausektor, der sich seit nunmehr drei Jahren in einem Stimmungstief befindet, trübte sich in allen Wirtschaftssektoren das Klima ein. Das Industrieklima notiert trotz seines fünften Rückgangs in Folge allerdings immer noch oberhalb seines langjährigen Durchschnitts. Verantwortlich für die Verschlechterung in diesem Wirtschaftssektor waren eine schlechtere Auftragslage und damit verbundene schlechtere Produktionserwartungen.

Fiskalpolitik: Der Finanzmarkt gibt die Richtung vor

Die Staatsschuldenkrise und schwache Wirtschaftsindikatoren sorgen für große Nervosität an den Finanzmärkten, und sie drängen die Politik vor allem in Europa und den Vereinigten Staaten dazu, endlich nachhaltige Konsolidierungsprogramme in Angriff zu nehmen. Nach den kleineren EWU-Ländern haben unter dem Druck der Ereignisse nun auch Frankreich, Italien und die Vereinigten Staaten umfassende Konsolidierungsprogramme beschlossen oder zumindest in Aussicht gestellt.

Konjunktur: Schwaches Frühjahrsquartal

Die wirtschaftliche Dynamik hat sich im zweiten Quartal in den Ländern des Euro-Raums deutlich verlangsamt – dabei fungierte Deutschland erstmals seit zwei Jahren nicht als konjunktureller Tempomacher in der Währungsunion. Fast überall dürfte vor allem der private Konsum die Erholung deutlich belastet haben. Während in Frankreich die Autoverkäufe mit dem Ende der Abwrackprämie einbrachen, hat in Deutschland anscheinend die EHEC-Krise ihre Spuren hinterlassen.

Politik, Vertrauen und Finanzmärkte

Die hohe Volatilität an den Finanzmärkten in der letzten Woche, hauptsächlich sichtbar an den Aktienmärkten, deutet auf einen massiven Vertrauensverlust der Investoren in die Politik. Zwar wurden im Vorfeld Wachstumssorgen durch die schwachen US-Wirtschaftsdaten verstärkt, aber der Downgrade der USA durch die Ratingagentur S&P hat vor allem die europäische Schuldenkrise wieder in den Brennpunkt des Interesses gestellt. Die europäische Reaktion ist seit den Beschlüssen vom 21. Juli bekannt, aber eine Vielzahl von darauf folgenden Kommentaren ließ offensichtlich werden, dass der europäischen Politik eine klare Vision fehlt. Insbesondere der Eindruck, dass die Währungsunion in Richtung einer ungesteuerten Transferunion stolpert, anstatt an den dafür notwendigen Regeln zu arbeiten, scheint zu dem Vertrauensverlust beizutragen.

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