Großbritannien

Brexit – ein Lehrstück für die Spieltheorie

Der Verlauf des Brexits und die Frage, ob er nun mit oder ohne Vertrag erfolgt, haben sich seit Längerem von rationalen Überlegungen verabschiedet. Eigentlich geht es nur noch um Überzeugungen und den Willen, die eigene Überzeugung durchzusetzen. Der jüngste Schachzug von Premier Boris Johnson ist hier keine Ausnahme. Mit der auferlegten Zwangspause des Parlaments geht Johnson sicherlich an seine verfassungsmäßigen Grenzen, vielleicht sogar etwas darüber hinaus. Verhandlungstaktisch ist es jedoch ein guter Schachzug. Denn seine Drohung gegenüber der EU, tatsächlich einen No-Deal-Brexit umzusetzen, hat damit deutlich an Glaubwürdigkeit gewonnen. Somit sind der Handlungsspielraum und die Möglichkeiten des britischen Parlaments, die Pläne von Premier Johnson zu durchkreuzen, kleiner geworden. Für Johnson ist in den letzten Tagen der Druck, eine Einigung mit der EU zu finden, eigentlich größer geworden. So gaben regierungseigene Analysen klare Warnungen vor bevorstehenden Versorgungsengpässen bei Nahrungsmitteln und medizinischen Produkten im Falle eines ungeregelten Brexits. Dies dürfte aber nur…

Brexit-Effekte führen zum erste Wachstums-Minus in Großbritannien seit sechs Jahren

Der Brexit ist immer noch nicht vollzogen, hinterlässt aber bereits deutliche Spuren in der britischen Wirtschaft. Im zweiten Quartal dieses Jahres ist die Wirtschaftsleistung in Großbritannien um 0,2% gegenüber dem ersten Vierteljahr geschrumpft – das erste Minus seit Ende 2012. Wesentliche Bremseffekte kamen dabei vom Verarbeitenden Gewerbe, dessen Produktion um fast 2,5% sank und damit so stark einbrach wie seit der Finanzkrise 2008/09 nicht mehr. Der für die britische Wirtschaft wichtige Service-Sektor trat während der drei Frühjahrsmonate nur auf der Stelle, die Finanzindustrie setzte ihren Schrumpfkurs fort. Noch sind es nicht die Handelshemmnisse selbst, die das britische Wachstum belasten. Sie wären im Falle eines ungeregelten EU-Austritts Großbritanniens zu erwarten – der seit Amtsantritt von Boris Johnson wieder wahrscheinlicher geworden ist – und würden die britische Wirtschaft aus unserer Sicht in eine tiefe Rezession stürzen. Aktuell sind es „nur“ Verzerrungen: Rückschläge nach den deutlichen Vorzieheffekten im ersten Quartal, als die Briten…

Premierminister(in) verzweifelt gesucht

Kaum hat Theresa May ihren (von vielen lang ersehnten) offiziellen Rücktritt angekündigt, geht der Kampf um ihre Nachfolge los. Am Wochenende werden die Kandidaten unweigerlich beginnen, sich in Position zu bringen. Allen voran sicherlich der streitbare Boris Johnson, der als einer der aussichtsreichsten Kandidaten gilt. Doch die Liste der möglichen Nachfolger Mays ist lang und der Ausgang des Wahlprozesses ungewiss. Schätzungen zufolge gab es zeitweise mehr als 30 potenzielle Kandidaten für den Posten des konservativen Parteichefs. Am einen Ende des Spektrums sind Hardliner wie Boris Johnson und Steve Baker anzutreffen, ebenso wie die moderateren, jedoch ebenfalls Brexit-orientierten Ester McVey, Dominic Raab und Michael Gove. Am anderen Ende des Spektrums steht Amber Rudd als einzige Vertreterin des Remain-Lagers allein auf weiter Flur. Die Wahrscheinlichkeit ist also extrem hoch, dass Mays Nachfolger(in) entweder einen ähnlichen Kurs wie die geschiedene Premierministerin verfolgt oder sich etwas deutlicher in Richtung des Hard-Brexit-Lagers orientiert. Letzteres wäre…

Brexit-Unsicherheit sorgt für kräftiges Wachstum

In Großbritannien hat sich das vierteljährliche Wirtschaftswachstum im ersten Quartal 2019 auf 0,5% beschleunigt. Gegenüber dem Vorjahr stieg es sogar auf 1,8%, der höchste Wert seit rund eineinhalb Jahren. Paradoxerweise hat die britische Wirtschaft in den letzten Wochen vor dem ursprünglich geplanten Brexit-Termin am 29. März vor allem von der Angst vor einem „No-Deal“-Brexit profitiert – das zeigen die Details der Wirtschaftsleistung zu Beginn dieses Jahres. Aus Sorge vor Versorgungsengpässen haben die Verbraucher offenbar Notvorräte angelegt, auch die Unternehmen haben ihre bereits hohe Lagerhaltung weiter aufgestockt. In der Industrie wurden noch so viele Aufträge wie möglich vor dem Brexit-Stichtag abgearbeitet, sie verzeichnete im ersten Quartal das höchste Produktionsplus seit zehn Jahren. Auch der Staat hat erneut viel Geld für die Brexit-Vorbereitungen in die Hand genommen. Das vierteljährliche Plus bei den Staatsausgaben lag zum zweiten Mal über 1% – auch das ein Novum seit der Finanzkrise. Die Kehrseite: Auch die Importe…

Wie wahrscheinlich ist der „Ooops-Brexit“?

Am übernächsten Freitag ist es soweit: Der 29. März 2019 ist der offizielle Austrittstermin, an dem die Briten, so ist es im britischen und europäischen Gesetz fest verankert, die EU verlassen werden. Wenngleich das britische Parlament einen No-Deal-Brexit erst vergangene Woche klar abgelehnt hat, bleibt er das Default-Szenario, solange es der EU und Großbritannien nicht gelingt, sich auf eine alternative Lösung zu einigen. Und derzeit liegen den Verhandlungspartnern gleich mehrere große Stolpersteine im Weg. Zunächst wäre das britische Parlament zu nennen, dessen beharrliche Weigerung, den Brexit mitzutragen, der Premierministerin bereits mehrere herbe Niederlagen eingebracht hat. Ob Theresa May es bereits am Mittwoch wagen wird, ihren Austrittsvertrag erneut zur Abstimmung vorzulegen, hängt derzeit vor allem von der nordirischen DUP ab. Ist sie willens, dem Vertrag zuzustimmen (die Tatsache, dass Gespräche mit der DUP bereits seit mehreren Tagen laufen, stimmt viele Kommentatoren hoffnungsvoll), dürfte May das Risiko eingehen. Lehnt das Parlament den…

Vorgeschmack auf die Konjunkturbremse Brexit

Auf den ersten Blick hat sich die britische Wirtschaft 2018 gar nicht mal so schlecht geschlagen: Mit 1,3% ist die Wirtschaftsleistung in Großbritannien im vierten Quartal 2018 gegenüber dem Vorjahr kräftiger gestiegen als in der EWU und ihren größten Mitgliedsstaaten. Auch das Wirtschaftswachstum für das Gesamtjahr 2018 kann sich mit 1,4% vor dem Hintergrund der anhaltenden Brexit-Unsicherheit durchaus sehen lassen. In den letzten Wochen des Jahres allerdings scheinen die britischen Unternehmen angesichts der immer verworreneren politischen Entwicklung im britischen Unterhaus endgültig die Notbremse gezogen zu haben. Das zeigen die – neuerdings auch monatlich veröffentlichten – Daten zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Dezember mit einem kräftigen Minus von 0,4% gegenüber dem Vormonat. Die Wachstumsschwäche im Schlussmonat 2018 zieht sich durch alle Bereiche der Wirtschaft – zum ersten Mal seit 2012. Die britische Industrie verbuchte den vierten monatlichen Rückgang in Folge, der Ausstoß des verarbeitenden Gewerbes schrumpft bereits seit einem halben Jahr und…

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